Metamorphus

Der Brief

Die Tinte hatte auf dem rauen Papier keine klaren Konturen zu schaffen vermocht und die Buchstaben wirkten ausgefranzt, als hätten sich kleine, marineblaue Kristalle auf ihrer Oberfläche gebildet. Im schwachen Dämmerlicht der beinahe untergegangenen Novembersonne war die Schrift nur schwer zu erkennen, doch Imogen hatte den Brief nun schon so oft gelesen, dass sie ihn im Grunde auswendig kannte. Warum sie ihn dabei hatte, wusste sie nicht so recht, doch sie hielt in fest in ihrer Hand, die von der Kälte allmählich taub wurde. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch, um sich gegen den eisigen Wind zu schützen und blickte hinaus aufs Meer, auf die Überreste des abgebrannten Piers.

Wie seltsam es gewesen war, ihn zu erhalten. Er war wie ein Relikt aus einer lange verloren geglaubten Zeit. Zusammen mit ein paar Werbeprospekten hatte er auf der Fußmatte gelegen, als ob er sich zwischen ihnen tarnen wollte, und voller Verwunderung hatte sie ihn aufgehoben. Pagoden waren auf der Briefmarke abgebildet und Schriftzeichen die sie nicht kannte. Zahlreiche Stempel hatte er auf seinem Weg um die Welt gesammelt, und es war fast schon ein kleines Wunder, dachte Sie, dass er nun durch ihren Briefschlitz geworfen worden war, nur weil jemand in krakeliger Schrift ihre Adresse auf den Umschlag geschrieben und in einem fernen Postamt ein paar Münzen über den Schalter geschoben hatte. Sie kannte die Schrift. Sie hatte sie sofort erkannt. Jahrelang war sie ihr fast täglich vor Augen gewesen, damals, als sie in der Schule neben ihrem Urheber gesessen hatte. Doch das war nun eine halbe Ewigkeit her. Damals hatte sie noch von fremden Orten geträumt und war sich sicher gewesen, einmal als Schriftstellerin in Südamerika zu leben, als Journalistin in New York, oder vielleicht in Asien, wo Pagoden wie die auf den Briefmarken standen. Stattdessen war sie an der Küste Südenglands gelandet und arbeitete bei der Stadtverwaltung.

Und nun stand sie da, ihre Haare wehten im Wind und in der Ferne erblickte sie eine Gestalt, die mit einem Geigenkoffer in der Hand näher kam. Es war gut ihn wieder zu sehen und für einen Moment ging ihr durch den Kopf, dass sie gemeinsam die Insel verlassen und nie wieder zurückkehren konnten. Doch als sie auf die Wellen blickte, die sanft über die groben Kiesel dieses rauen Strandes spülten, wusste sie, dass dies niemals geschehen würde, und lächelnd lief sie ihm entgegen.

Weitere Geschichten

Das DorfDer BriefDer GartenDer ZwetschgenkuchenDes Guten zu vielEine Tasse TeeFerne WeltenGivernyGrainneHarroldHumbugJanuarNussknackerSarahSchäfchenwolkenSeptemberTomsnippetsteaser